Willkommen?!

Heimat?
Ich bin neu - hier in Eckental.
Habe im Oktober mein neues Paradies mit alten Erbstücken und neuen Ideen wohnlich gestaltet.
Ich bin aus Nürnberg. Geboren in Erlangen.
Gut, ich habe auch mal in Berlin gelebt oder auch in Regensburg oder Dortmund oder Würzburg, aber die meisten Jahre meines Lebens verbrachte ich hier in dieser Gegend.

Das ist neu – in meiner Familie.
Schon nach kurzer Zeit werde ich im Dorfladen mit Namen begrüßt, auch im Buchladen, im Kino wird mir für meine Enkelkinder der neueste Film empfohlen, wenn sie wieder zu Besuch kommen. Auf Veranstaltungen und Lesungen und in Geschäften treffe ich schnell auf bekannte Gesichter. Und unverhofft auf alte Gesichter: 2 frühere Kollegen, sogar 2 Menschen aus meiner frühesten Jugend … Heimisch werden.

Ansonsten ist es wie im Urlaub: Neugierig und abenteuerlustig erkunde ich meine Umgebung, streife durch bemooste Wälder, von Wildschweinen beackert, genieße weiten

Blüten-Blick von allen Hochebenen und Tafelbergen ringsum, entdecke meine Horizonte und kann sie beim Namen nennen. Und wenn ich von Nürnberg kommend ab Kleingeschaidt meine Lieblingsstrecke über Beerbach nehme, gehen mir Herz und Seele auf: Meine neue Heimat.

Heimat. Das gab es nicht immer in meiner Familie. Meine Mutter floh hochschwanger aus den letzten Berliner Kriegstagen - ins Nirgendwo. 4 Tage nach der Kapitulation brachte sie ihr erstes Kind zur Welt. Mutterseelenallein. Was das bedeutet haben musste, konnte ich erst erahnen, als ich selbst mein erstes Kind geboren habe.

Und dann gibt es diesen Brief hier. Mein Onkel hat ihn geschrieben. Drei Wochen bevor er bei Stalingrad im Kugelhagel starb.

Und dann die noch älteren Geschichten meiner Familie mütterlicherseits: Da gab es ein Gut in Bogovo, richtig guten Boden hatte man dort, aber nach dem 1. WK mussten sie den verlassen, gingen in die Kreisstadt Schrimm, so erinnere ich die Orte aus Erzählungen meiner frühen Kindheit, dann nach Driebitz in Schlesien, nur sandiger Boden, wie soll man da überleben können? Und immer wieder von vorne anfangen. Und dieses Driebitz sollte nach 1945 zu Polen gehören – und so ging die Heimatlosigkeit der Familie weiter. Bis meine Eltern nach dem Krieg hier in Erlangen strandeten.

Nach über 100 Jahren leben jetzt erstmals 3 Generationen hintereinander auf dem gleichen Stück Erde. Heimat.

Im Februar gehe ich an dem großen Haus mit dem Fleck vorbei. Menschen haben einen Farbbeutel an die frisch geweißelte Hauswand geworfen. Sie wollen nicht, dass hier Fremde leben.

Ein Junge beugt sich weit aus dem Fenster, winkt mir zu und ruft Hallo. Ich winke zurück. Wie schön, von Fremden begrüßt zu werden.
Bald darauf werde ich Alltagsbegleiterin – auch von seiner Familie. Sie sind aus Damaskus geflüchtet.
Ich gehe mit den Familien zu Ärzten, fülle Anträge aus, telefoniere mit Sozialämtern.
Ich werde eingeladen zu arabischem Kaffee mit Kardamon, zu köstlichen syrischen Vorspeisen. Zum Abendessen. Jedes Mal. Gastfreundschaft. Wer ist hier eigentlich Gast?

In Nullkommanix hat sich diese syrische Familie mit den beiden Jungs eine komplette Küche eingerichtet, samt Gugelhupf und Fleischwolf. Alles aus dem Sozialkaufhaus in Forth oder vom Basar in Nürnberg. Und kurz drauf prangt eine ausrangierte gigantische Sitzecke in der 40qm-Wohnung. Zugegeben, mit Gebrauchsspuren. Aus dem Spendenfundus der Fleck-Initiative. Aus dem CD-Player tönt die 2. Lektion „Willkommen in Deutschland“.

Viele syrische Zutaten und Gewürze holen sie sich vom türkischen Supermarkt am Plärrer. Käse machen sie selbst: Reduan radelt 2x die Woche hoch nach Großgeschaidt und kehrt mit einem 10l-Eimer frischer Milch vom Bauernhof zurück. Und dann zaubern Rezat und Reduan x verschiedene heimatliche Käsesorten und Joghurt. Verfeinert mit arabischer Minze, Kreuzkümmel, Olivenöl und und und … Seitdem sie endlich in der Apotheke Labtabletten für die Käsezubereitung entdeckt haben, schmeckt´s noch besser.

Zweimal schon wanderten wir zu zehnt oder mehr in Richtung eines der schönen Fußball- und Spielplätze in der Gegend, viele Kinder sind dabei. Auch meine Enkelkinder. In ihrem zarten Alter hatten sie bereits Vorurteile über Flüchtlinge mitbekommen. Nun fragen sie bei jedem Besuch, ob wir wieder was mit Abdul Rahman und Mohamad und all den anderen unternehmen …

Und dann kicken alle voller Begeisterung – die Männer natürlich voller Elan! Aber auch voller kindlicher Leidenschaft. Und jedes Kind, das sich ohne Kenntnis der Regeln mitten auf dem Spielfeld tummelt, wird sanft angespielt und geschickt wird ein Torerfolg für diesen kleinen Flüchtling - oder auch für mein Enkelkind - ermöglicht. So viel Lachen, so viel Heiterkeit, so viel Unbeschwertheit.

Wie erging es wohl meinen Ahnen und Ahninnen in ihrer neuen Fremde?
Und wie viele Verluste haben unsere neuen Fremden in ihrer Heimat zu beklagen?
Zurück zum Fußballspiel. Die Frauen sitzen am Rand auf den Bänken für die Ersatzspieler und plaudern ohne Unterlass, ob sie nun aus Syrien, dem Irak oder aus Aserbaidschan stammen.

Schließlich lagern alle auf dem Rasen. In der Mitte ein Picknick. Letztes Mal, bei der Osterbrunnenwanderung, habe ich Kekse mitgebracht und Äpfel und ein Messer zum Aufschneiden. Diesmal wundere ich mich über Reduans schweren Rucksack. Diesmal hat er an Äpfel für alle gedacht. Und auch an ein Messerchen.

Wir können noch nicht miteinander reden. Wissen nichts über unsere Geschichten. Unsere Lebensgeschichten. Aber es gelingt auch mit den wenigen Worten und den vielen Gesten und Blicken, dass wir richtig Spaß haben und uns manchmal kugeln vor Lachen. Beispielsweise wenn statt dem Wort „Direktor“ einfach immer nur „Traktor“ rauskommt.

Es ist Abend geworden. Meine Enkelkinder sind glücklich. Ich auch.

Heimat.                          Irgendwie seltsam.

                                                                                                                      Dorothea Luther, Mai 2016